Müller prüft die Welt - Auf und ab, Fluch und Segen

Während unsere Artverwandten, die Affen, noch für jeden Höhenmeter klettern müssen, nehmen wir einfach den Aufzug und geraten so nie ins Schwitzen. – Dafür gar nicht selten ins Grübeln. Beispielsweise auf der Zürcher Hardbrücke – oder eben darunter, wenn oben der 33er-Bus schon abfahrbereit steht und man ihn noch erwischen möchte, den Liftknopf drückt, aber einfach nichts passiert. Nach drei weiteren Versuchen, der Bus ist schon längst weg, wird mir klar: Dies ist nicht der Knopf für den Lift, sondern die Beschriftung für den Knopf; mit erhöhten Lettern beschriftet für Sehbehinderte. Fast jeder drückt hier drauf, und schon mancher künstliche Fingernagel brach dabei ab. So wird der technische Segen zum Fluch.

An der ETH ist die Situation nicht viel besser. Hier sind die Stockwerke mit A, B usw. beschriftet – doch wo ist nun der Ausgang? Bei A wie Ausgang oder E wie Erdgeschoss? Noch weiter geht das Liftpanel in einem Zürcher Bürohaus, wo die mit Zahlen versehenen Knöpfe durch Schlösser ersetzt wurden. Wer hier in den siebten Stock gelangen möchte, muss Schloss für Schloss abzählen. Und natürlich einen Schlüssel besitzen. Niedlich war der Hotelmanager in einem Walliser Skiort, den ich auf sein gläsernes Liftpanel ansprach: «Funktioniert diese Steuerung auch bei kaltem Wetter und mit klammen Fingern?», wollte ich wissen, worauf mir der Hotelbesitzer zugestand: «Ja, bei alten Leuten ist das schon ein Problem. Ich gehe dann hin und drücke das entsprechende Stockwerk für sie.»

Und so wird der Fluch wieder zum Segen – wenigstens für die Senioren, die in den Genuss kommen, im Lift vom Hotelmanager persönlich bedient zu werden.

(Dr. Christopher H. Müller in "Müller prüft die Welt" – Netzwoche 05/2013)

Zurück