Wie mit neuen Liebschaften

Mein Lebensmittelpunkt verlagert sich zunehmend auf mein Smartphone. Nur, auf dem kleinen Bildschirm konnte ich ohne Armverrenkungen oder Gleitsichtbrille nicht mehr vernünftig lesen. Ein neues musste also her. Ich blieb beim selben Hersteller und beim gleichen Betriebssystem – wer sich einmal an Windows Phone gewöhnt hat, mag nicht mehr umlernen.

Die ersten Tage lasse ich mich vom coolen, gertenschlanken Gehäuse und vom grossen, ultrascharfen Bildschirm aufs Neue entzücken. Bald fällt mir aber auf, dass ich das Smartphone oft unfreiwillig aus dem Schlaf wecke. Dann springt jeweils der Bildschirm an und saugt – durstig wie er ist – sinnlos am Akku. Schuld daran ist der leichtgängige Stand-by-Knopf, der seitlich aus dem Gehäuse ragt. Da war der versenkte Schieberegler am alten Gerät viel gescheiter.

Als Nächstes fange ich an, die winzige LED zu vermissen, die mir auf dem alten Handy angezeigt hat, dass ich einen Anruf verpasst oder eine SMS erhalten habe. Beim neuen muss ich jedes Mal den Bildschirm anwerfen, um nachzusehen. Auch das braucht Strom – und ist erst noch unpraktisch. Apropos unpraktisch: Mittlerweile musste ich auch einsehen, dass das Neue zu gross für meine Hosentasche ist. Vorn trägt es hässlich auf, und hinten droht es zu zerbrechen, wenn ich mich draufsetze.

Mit neuen Handys verhält es sich wie mit neuen Liebschaften: Anfangs herrscht eitel Freude, doch peu à peu tauchen die ersten Unzulänglichkeiten auf, mit denen man leben lernen muss. Ich liebe sie trotzdem, meine neue Liebschaft.

(Dr. Christopher H. Müller in „Müller prüft die Welt“ – Netzwoche 01/2015)

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