S wie Scrollen

Müllers kleines ABC

Theorie: Hier das Scrollen an sich zu erklären, ist wohl so überflüssig, wie einen Kühlschrank in die Antarktis zu stellen. Interessant hingegen ist, wie sich die Haltung der Webbranche dazu gewandelt hat. Nebenbei: Der Begriff stammt von «scroll», dem englischen Wort für Schriftrolle, und hat mit «Bildlauf» eine deutsche Entsprechung, die sich aber nie durchsetzen konnte.

Praxis: Sie erinnern sich? Vor zehn, fünfzehn Jahren noch wurde jedem Screendesigner (oder wie auch immer die damals hiessen) eingebläut: Du sollst deine Seiten kurz halten, auf dass der Nutzer nicht scrollen muss. Scrollen ist böse, hiess es damals, vergrault die Surfer und lässt sie nie mehr wiederkehren. Und heute? Seit das Schicksal den Menschen das Smartphone beschert hat, scheint sich Scrollen zum Volkssport gemausert zu haben. Nun macht es glücklich, weil es die grossartigsten Inhalte selbst auf die kleinsten Bildschirmchen bringt. Und, nicht zu vergessen: Es hat uns diese vertikale Wischbewegung geschenkt, mit der wir fortan unnachahmlich elegant durch den Cyberspace schweben. Doch, mal ehrlich: Wer sich früher sklavisch dem Scroll-Verbot unterwarf, lief Gefahr, überstrukturierte, x-spaltige Seiten voll blutarmem Kurzfutter zu bauen. Die wollte keiner mehr als ein Mal sehen, und dort fand sich auch kaum jemand zurecht. Oder anders herum: Wer heute meint, er könne seine 200-seitige Website samt grosszügig dazwischengestreuter Werbung in zwei, drei vertikale Rubriken abfüllen (oder von einem dieser praktischen Responsive-Plug-ins abfüllen lassen), ist ebenso auf dem Holzweg.

Fazit: Der Nutzer braucht ein angemessenes Layout und eine stimmige Struktur in der Horizontalen wie in der Vertikalen. Nicht zu wenig, nicht zu viel soll es sein, sondern genau so viel, wie zum Thema, der Botschaft und selbstverständlich der Zielgruppe passt. Gutes Screendesign entsteht also nicht durch Befolgen irgendwelcher gerade angesagter Ge- oder Verbote, sondern durch Nachdenken, Ausprobieren und Optimieren.