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KI ist nicht nutzbar. Noch nicht.

Usability klärt das Wie, KI wirft Fragen nach dem Warum auf. Erst wenn Systeme ihre Entscheidungen nachvollziehbar machen, entsteht Vertrauen. Gute UX verbindet Verständlichkeit mit Transparenz.

11. Februar 2026
Dr. Christopher H. Müller, Inhaber, Expert Consultant

Inhaber, Expert Consultant

Usability macht Systeme benutzbar. KI macht sie unberechenbar – zumindest gefühlt. Was beide jedoch verbindet, ist dasselbe Ziel: sinnvolle Interaktionen zwischen Mensch und Maschine. Und trotzdem erleben wir sie grundverschieden.

Während Usability greifbar ist – klickbar, testbar, optimierbar –, bleibt KI oft diffus. Man sieht das Ergebnis, aber nicht den Weg dorthin. Genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Usability kümmert sich um das Wie

Usability fragt:
Wie komme ich durch ein System?
Wie finde ich, was ich suche?
Wie erledige ich meine Aufgabe, ohne Angst, etwas falsch zu machen?

Es geht um Klarheit, um verständliche Rückmeldungen, um Steuerbarkeit. Kurz gesagt: um digitale Gastfreundschaft.

Ein gut gestaltetes Interface führt, erklärt sich selbst und nimmt Menschen an die Hand, ohne sie zu bevormunden. Wer mit einem solchen System arbeitet, spürt: Ich habe es im Griff. Das schafft Sicherheit – und damit die Grundlage für Effizienz und Zufriedenheit.

Vertrauen in KI fragt nach dem Warum

Vertrauen in KI setzt an einer anderen Stelle an. Es fragt:
Warum schlägt mir das System genau diesen Job, diese Route oder diese Diagnose vor?
Welche Daten wurden verwendet?
Wie sicher ist das Ergebnis – und was bedeutet das konkret für mich?

Auch das ist UX.

Denn sowohl Usability als auch Vertrauenswürdigkeit verfolgen dasselbe Ziel: Menschen sollen sich orientieren können, mitdenken dürfen und am Ende sagen: «Das hat Sinn ergeben.»

Der Unterschied liegt im Ort des Geschehens.
Usability spielt sich an der Oberfläche ab.
KI entscheidet im Hintergrund.

Und genau dort wird es anspruchsvoll.

Das Innenleben bleibt oft verborgen

Wer heute mit KI-Systemen interagiert, erhält meist ein Resultat. Manchmal beeindruckend, manchmal irritierend, oft aber schlicht unerklärlich.

Die Oberfläche mag sauber gestaltet sein, der Button funktioniert – doch was passiert dahinter?

War es eine Empfehlung oder bereits eine Entscheidung?
Hat das System Optionen geprüft, Alternativen verglichen, Unsicherheiten abgewogen?
Oder hat es schlicht geraten?

Viele KI-Anwendungen kommunizieren zudem in Codes, die kaum jemand versteht. Fehlermeldungen klingen wie Vorlesungen, Wahrscheinlichkeiten werden als Fakten formuliert. Und das vielleicht Gravierendste: Der Zurück-Button fehlt.

Das fühlt sich nicht nach Zusammenarbeit an.
Sondern nach Kontrollverlust.

Das Zusammenspiel macht den Unterschied

Gerade deshalb ist das Zusammenspiel entscheidend. Gute Usability zeigt Wege, vertrauenswürdige KI erklärt, warum sie diesen Weg vorschlägt. Erst beides zusammen ergibt eine digitale Erfahrung, die nicht nur funktioniert, sondern trägt.

Kein System ist allwissend. Vertrauen entsteht dort, wo Interfaces Unsicherheiten oder Abwägungen offenlegen. Wo sie transparent machen: Das ist eine Wahrscheinlichkeit. Oder: Hier gibt es Alternativen.

Das zeigt Haltung – und verhindert blinden Glauben.

Gute UX für KI denkt den Menschen mit: in seiner Neugier, in seiner Skepsis, in seiner Verantwortung. Sie erklärt, statt zu verstecken. Sie bietet an, statt zu überfahren. Und sie markiert den Unterschied zwischen einer Maschine, die etwas kann, und einer, der wir etwas zutrauen.

Was das aus ergonomischer Sicht bedeutet

Aus ergonomischer Perspektive sind es oft einfache, aber konsequent umgesetzte Prinzipien, die helfen:

  • Klar zeigen, wofür ein System gedacht ist – und wofür nicht.

  • Wahrscheinlichkeiten benennen statt verschleiern.

  • Vorschläge als Vorschläge kennzeichnen und nicht als Wahrheit verkaufen.

  • Eine Sprache verwenden, die Menschen verstehen – nicht nur Modelle.

  • Und stets die Möglichkeit bieten, zu hinterfragen, zu korrigieren oder auszusteigen.

Denn Nutzbarkeit endet nicht bei der Oberfläche. Sie beginnt dort – und setzt sich im Inneren fort.

Oder wie wir Ergonomen sagen: Wenn die Maschine denkt, soll sie wenigstens sagen, was sie sich gedacht hat.

 

(Wild Card in Netzwoche Nr. 12/2025)

Dr. Christopher H. Müller, Inhaber, Expert Consultant

Inhaber, Expert Consultant

Dr. Christopher H. Müller, Gründer und Inhaber der Ergonomen Usability AG, promovierte am Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie der ETH Zürich. Er ist seit mehr als 22 Jahren Experte für Usability und User Experience. Sein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen ermöglicht es ihm, rasch die Bedürfnisse und Perspektiven der Kunden zu verstehen. Mit viel Kreativität und Mut unterstützt er seine Kunden in Digitalisierungsvorhaben und bei der Optimierung von Produkten, Dienstleistungen oder Prozessen. Er verfolgt einen praxisorientierten Ansatz und entwickelt massgeschneiderte Lösungen, die effektiv umgesetzt werden können. Dr. Christopher H. Müller ist Kolumnist in der Netzwoche. Weitere Engagements sind unter anderem Stiftungsrat bei der Stiftung Zugang für alle, Mitglied in zwei Swico-Beiräten und Co-Präsident der Regionalkonferenz Nördlich Lägern.

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