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Q wie Quantified Self

Müllers kleines ABC (Netzwoche 1, 2016): Quantified Self ist eine Bewegung von Menschen, die glauben, es sei gesund, Körperfunktionen aufzuzeichnen und im Internet zu publizieren. Die Idee dahinter: Wer seine körperlichen Aktivitäten ständig überwacht und zur Schau stellt, der wird seinen inneren Schweinehund leichter überwinden.

22. Januar 2016
Dr. Christopher H. Müller

Inhaber, Expert Consultant

Theorie 

Quantified Self ist eine Bewegung von Menschen, die glauben, es sei gesund, Körperfunktionen aufzuzeichnen und im Internet zu publizieren. Die Idee dahinter: Wer seine körperlichen Aktivitäten ständig überwacht und zur Schau stellt, der wird seinen inneren Schweinehund leichter überwinden.
Zum Sammeln der nötigen Daten braucht es entweder eine einschlägige App fürs Smartphone oder einen dieser hippen Fitness-Tracker fürs Handgelenk. Die zählen dann zum Beispiel all die Schritte, die man so macht. Die besseren wissen auch, ob dabei Berge überwunden wurden, wie hoch der Puls dabei ging oder ob man nachts zuvor gut geschlafen hat.

Realität 

Kürzlich an einem Workshop: Die Teilnehmer präsentieren zu Beginn ein Mitbringsel mit entweder guter oder schlechter Usability. Erna, Mitte 50, hat zu Weihnachten einen Tracker bekommen, zwecks Verbesserung ihrer Fitness. Weit ist sie damit aber nicht gekommen – sie kann das Ding nicht mal anziehen, weil sie den genialen Verschluss nicht begreift. Otto, schon länger Besitzer desselben Modells, hilft ihr spontan aus der Patsche.
Was er denn für Erfahrungen mache, mit dem Tracken, will Erna sogleich wissen. Nun, eine Zeitlang habe er das ja lustig gefunden. Doch dann sei ihm der Druck unerträglich geworden, sich dauernd selbst zu belauern, sich an den Vorgaben der Hersteller und obendrein an der Community zu messen. Deshalb habe er nach einem halben Jahr wieder damit aufgehört.

Fazit

Über seine Fitness nachzudenken, ist sicher nicht falsch und etwas Biofeedback schadet auch nicht. Zu weit geht das aber, wenn die Leute Herzrasen bekommen, weil sie ständig diskutablen Durchschnittswerten hinterherhecheln oder vor lauter Selbstoptimierung depressiv werden. Klar: Selbsterklärende Hardware würde das Risiko, dass es soweit kommt, zumindest etwas senken.

Dr. Christopher H. Müller

Inhaber, Expert Consultant

Gründer und Inhaber der Ergonomen. Promovierte am Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie der ETH. Ergonom, Usability-Experte, Familienmensch, Naturfreund und Hobbyfotograf. Seit über 20 Jahren einer der führenden Usability-Experten der Schweiz, Stiftungsrat bei der Stiftung Zugang für alle, Mitglied in zwei Swico-Beiräten und Vorstandsmitglied der Regionalkonferenz Nördlich Lägern.

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