KI liefert schnell plausible Antworten. Doch gute Lösungen entstehen nicht allein aus Daten und Wahrscheinlichkeiten. Warum menschliche Beobachtung, kritisches Hinterfragen und Kreativität auch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz unverzichtbar bleiben.
KI ist schnell. Sie analysiert Daten, erkennt Muster, fasst Informationen zusammen und liefert Vorschläge. Was früher Stunden oder Tage dauerte, ist heute oft in wenigen Minuten erledigt.
Das ist praktisch. Und zweifellos eine grosse Hilfe im Arbeitsalltag. Doch eine plausible Antwort ist noch lange keine gute Lösung. Denn KI erkennt zwar Zusammenhänge in Daten, versteht aber nicht automatisch, was hinter dem Verhalten eines Menschen steckt.
Dafür braucht es mehr: genaues Beobachten, kritisches Hinterfragen und das Wissen, Dinge richtig einzuordnen. Effizienz allein reicht nicht.
Gerade im Bereich User Experience wird das deutlich. Bei einem Usability-Test kann KI heute vieles übernehmen. Sie transkribiert Gespräche, kategorisiert Aussagen, erkennt wiederkehrende Begriffe und fasst Ergebnisse zusammen. Das spart Zeit und erleichtert die Auswertung.
Aber ein Transkript zeigt zunächst einmal nur, was jemand gesagt hat. Es verrät nicht, was ein User verschwiegen hat. Es zeigt auch nicht, weshalb jemand gezögert, eine Funktion übersehen oder einen anderen Weg eingeschlagen hat.
Dazu braucht es den Blick auf das tatsächliche Verhalten.
Eine weitere Herausforderung: KI-generierte Antworten wirken oft erstaunlich überzeugend. Sie sind schnell da, sauber strukturiert und klingen plausibel. Manchmal sind sie sogar direkt brauchbar. Genau darin liegt die Gefahr.
Denn sobald wir einen KI-Vorschlag lesen, beeinflusst er unser Denken. In der Psychologie nennt man das «Priming». Wir nehmen einen Gedanken auf und richten unsere weiteren Überlegungen daran aus. Das Problem: Wir denken nicht mehr ganz unvoreingenommen über die ursprüngliche Fragestellung nach, sondern bewegen uns bereits innerhalb eines vorgegebenen Lösungsrahmens.
Das kann hilfreich sein und Prozesse beschleunigen. Es kann aber auch dazu führen, dass wir andere Möglichkeiten gar nicht mehr in Betracht ziehen.
Wer bei jeder Aufgabe zuerst die KI fragt, überspringt möglicherweise genau jene Phase, in der es darum geht, ein Problem wirklich zu verstehen. Eine Phase, in der noch keine Lösung feststeht und verschiedene Denkwege offenbleiben.
Wenn über die Risiken von KI gesprochen wird, geht es meist um falsche Antworten, Halluzinationen oder fehlende Transparenz. In kreativen Prozessen kommt ein weiteres Risiko dazu: Wir lassen uns zu stark vom Plausiblen leiten.
Nur weil eine Antwort logisch klingt, muss sie noch lange nicht richtig sein. Entscheidend ist, ob sie im konkreten Fall tatsächlich funktioniert.
Hier ist der Mensch gefragt. Er muss Zusammenhänge erkennen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Er muss Beobachtungen einordnen und Entscheidungen treffen, die sich nicht einfach aus vorhandenen Daten ableiten lassen.
Gute Ideen entstehen nämlich nicht immer auf direktem Weg. Manchmal braucht es einen Umweg. Eine Irritation. Einen Widerspruch. Oder einen Gedanken, der zunächst überhaupt keinen Sinn zu ergeben scheint.
Das ist nicht besonders effizient. Aber genau darin liegt oft der Wert. Denn wer nur dem Wahrscheinlichen folgt, übersieht möglicherweise das Neue.
Neben Prompting, Datenkompetenz, Modellverständnis und Automatisierungswissen gewinnt deshalb eine Fähigkeit wieder an Bedeutung, die eigentlich selbstverständlich sein sollte: der Menschenverstand.
Er zeigt sich darin, eine plausible Antwort nicht einfach zu übernehmen, sondern genauer hinzuschauen. Zu fragen: Passt das wirklich? Welche Annahmen stecken dahinter? Was fehlt? Wie würde sich ein realer User in dieser Situation verhalten? Und könnte es vielleicht eine Lösung geben, auf die bisher noch niemand gekommen ist?
KI-Tools können die Arbeit erleichtern, beschleunigen und neue Möglichkeiten eröffnen. Sie nehmen uns aber nicht die Verantwortung ab, Ergebnisse kritisch zu beurteilen.
Gerade in der User Experience zählt am Ende nicht, wie überzeugend eine Lösung auf dem Papier klingt. Entscheidend ist, ob sie für die Menschen funktioniert, die sie tatsächlich nutzen.
Dafür müssen wir beobachten, verstehen, hinterfragen und manchmal bewusst einen anderen Weg einschlagen.
Denn gute Lösungen entstehen nicht einfach aus dem wahrscheinlichsten Output. Sie entstehen dort, wo Daten auf Erfahrung, Kreativität und menschliche Urteilskraft treffen.
(auch veröffentlicht in Netzwoche 11/2026)
Inhaber, Expert Consultant
Dr. Christopher H. Müller, Gründer und Inhaber der Ergonomen Usability AG, promovierte am Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie der ETH Zürich. Er ist seit mehr als 22 Jahren Experte für Usability und User Experience. Sein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen ermöglicht es ihm, rasch die Bedürfnisse und Perspektiven der Kunden zu verstehen. Mit viel Kreativität und Mut unterstützt er seine Kunden in Digitalisierungsvorhaben und bei der Optimierung von Produkten, Dienstleistungen oder Prozessen. Er verfolgt einen praxisorientierten Ansatz und entwickelt massgeschneiderte Lösungen, die effektiv umgesetzt werden können. Dr. Christopher H. Müller ist Kolumnist in der Netzwoche. Weitere Engagements sind unter anderem Stiftungsrat bei der Stiftung Zugang für alle, Mitglied in zwei Swico-Beiräten und ehem. Co-Präsident der Regionalkonferenz Nördlich Lägern.