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F wie Featuritis

Soweit es die IT angeht, steht Featuritis, auch Featurismus genannt, für die Tendenz, einer Software, einer Website oder einem Produkt mit jeder neuen Version mehr oder weniger naheliegende Zusatzfunktionen zu spendieren. Der Gedanke dahinter scheint überwiegend vom Marketing geprägt zu sein: Erweiterungen sollen zusätzlichen Nutzen für die Kundschaft generieren, die Zielgruppe verbreitern und folglich auch die Umsätze befeuern.

31. October 2022
Dr. Christopher H. Müller

Owner, Expert Consultant

Theorie

Soweit es die IT angeht, steht Featuritis, auch Featurismus genannt, für die Tendenz, einer Software, einer Website oder einem Produkt mit jeder neuen Version mehr oder weniger naheliegende Zusatzfunktionen zu spendieren. Der Gedanke dahinter scheint überwiegend vom Marketing geprägt zu sein: Erweiterungen sollen zusätzlichen Nutzen für die Kundschaft generieren, die Zielgruppe verbreitern und folglich auch die Umsätze befeuern.

Realität

Erfahrungsgemäss führt Featuritis aber oft zu Konflikten mit den Nutzern. Da gibt es etwa jene, die sich über Bloatware auf dem Handy ärgern, die zu nichts taugt, dafür aber Speicher belegt und sich nicht deinstallieren lässt. Andere wiederum fragen sich, warum um Himmels Willen man ihrer Projektverwaltung noch eine Textverarbeitung untergejubelt hat oder was der liebevoll animierte Wetterbericht oben links im Applikationsfenster soll - und so weiter.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass Zusatzfunktionen oft nicht gescheit in die bestehende Nutzerführung passen. Deshalb werden sie halt dorthin gepappt, wo die UX-Beauftragte am wenigsten laut aufschreit. Auf Dauer hält das selbst das robusteste und flexibelste Bedienkonzept nicht aus. Resultat: Die die Nutzer fragen sich, warum «ihre» mühevoll erlernte Bedienerschnittstelle von Version zu Version unlogischer wird. Sie sind zunehmen verwirrt und am Ende sauer.

Fazit

Unreflektierte Featuritis wird also über kurz oder lang das Gegenteil von dem bewirken, was sie eigentlich sollte: Der Kundschaft bringt sie Zusatzaufwand statt Zusatznutzen, der Anbieterin beschert sie sinkende statt steigender Umsätze und obendrein mehr Aufwand beim Helpdesk. Was sich dagegen tun lässt? Grundsätzlich hülfe hier, sich stets das Konzept MVP (Minimum Viable Product, minimal brauchbares und existenzfähiges Produkt) vor Augen zu halten. Und in der Hitze des Gefechts brauchte es im Produktteam jemanden mit dem Auftrag, vernehmlich stopp! zu rufen, wenn der Schwanz mal wieder mit dem Hund zu wedeln beginnt.

Veröffentlicht in: Netzwoche Ausgabe 12, 2022

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Dr. Christopher H. Müller

Owner, Expert Consultant

Founder and owner of the Ergonomen. Doctorate at the Institute for Hygiene and Occupational Physiology at ETH. Christopher Müller is a family man, nature lover, empath and passionate smartphone photographer. Christopher has been one of Switzerland's leading usability experts for over 20 years.

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